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[3. November 2014] Durchmarsch

Die Bedeutung des menschlichen Körpers nimmt offenbar ab, wenn man einmal davon absieht, dass wir diesen Körper einfach brauchen, weil wir ohne ihn ganz einfach nicht sind. Die Technik zeigt in letzter Zeit anhand des Übergangs von der Maus zu den sogenannten Touchscreens, dass immer weniger Aufwand nötig ist, um einen Computer zu bedienen. Die Steuerung von Maschinen durch die menschlichen Augen ist bereits technisches Allgemeingut, die Verbindung von Computern und menschlichen Nervenzellen macht beängstigende Fortschritte. Faszinierend ist, dass wir hier scheinbar die Macht des Geistes an technischen Entwicklungen ablesen können. Die zunehmende Kleinheit und Unbedeutendheit der Geste auf dem Touchscreen entspricht hier der Reduktion der Anstrengung zum Setzen einer Handlung. Mit Wischbewegungen kann man Menschen bereits sprachlich zerstören. Haben wir nicht irgendwann kräftig in die Tasten hauen müssen, um aus der Schreibmaschine den gewünschten Text heraus zu bekommen? Aber die notwendige Kraft, der nötige Einsatz nimmt ab, von Jahr zu Jahr. Wir können mit immer weniger Kraft immer mehr tun. Gesten genügen, das Wischen über ein Display, in Zukunft wird es vielleicht eine Augenbewegung sein. Und dann können wir das Experiment des industriellen Massenmords unter neuen Vorzeichen wiederholen. Auschwitz durch Wischgesten? Keiner muss mehr Hand anlegen. Wir müssen die Computer nur so programmieren, dass sie keine Spuren hinterlassen. Ich gehe davon aus, dass wir dazu in der Lage sind. Die spannende Frage ist nicht, ob das passiert, sondern wer die nächsten Opfer sein werden.


[28. September 2013] Voyeurismus

Man müsste einmal den eigenen Voyeurismus schonungslos beschreiben. Aber das ist eine schwierige Angelegenheit. Das medial vermittelte Ereignis ist ja eine doppelte Aufforderung einerseits zu einer ohnmächtigen Anteilnahme, andererseits zu einem voyeuristischen Lustgewinn. Methodisch wäre wohl eine phänomenologische Analyse angebracht, um sich dem Verstehen der psychischen Phänomene zu nähern, die beim Erlebnis von Ereignissen in uns ablaufen. Eine solche Analyse würde aber wohl einen Abgrund zeigen, an dessen Rändern wir taumelnd und verzweifelt über uns selbst im Wind stehen. Die Lust an der Katastrophe, die alle anderen trifft, eine heimliche Freude am Leid, das die anderen trifft, alles das könnte auch ein Grund für unser Schweigen und für unsere Unfähigkeit sein, die Welt zu ändern. Die sozialen Theorien konzentrieren sich abseits der Abgründe merkwürdigerweise auf Begriffe wie die Hegemonie oder auf die Komplexität der spätmodernen Welt. Es könnte für das Verständnis der Abgründe dieser Welt aber sehr klärend sein, die Abgründe in uns selbst auszuleuchten. Vielleicht ist der Grund des Abgrunds die Stelle, von der wir ausgehen müssten, um zu verstehen. Natürlich bestünde bei so einem Ausgehen wieder die Gefahr, plötzlich ausweglos akzeptieren zu müssen, dass der Grund des Abgrunds nicht verlassen werden kann. Und dann würden wir uns wohl zurück wünschen in die Welt, die wir verdrängend aber zeitweise glücklich bewohnt haben. Wer kann und will schon mit seinem realen Selbst leben?


[1. Juni 2013] Zuschauer

Es ist wohl eine der größten Katastrophen, dass die europäischen Intellektuellen irgendwann begonnen haben, politische Betätigung als problematisch und unvereinbar mit ihrer Seinsweise zu sehen. Natürlich, ich weiss schoon. Der frei schwebende Geist ist eine Errungenschaft, und die Kritikfähigkeit ist oft nur dort gegeben, wo sich die Kritik ohne eigene vordergründige Interessen einem politischen System und seinen Handelnden gegenüber stellt. Soll ja alles so sein. Soll auch so bleiben. Soll aber nicht in einen Hochmut der denkenden Menschen münden, die ihre Überheblichkeit als Freiheit bezeichnen und sich an wirklicher Politik nicht die Finger schmutzig machen wollen. Ich höre immer dieses Geschwätz von der Pflicht des Bürgers, wählen zu gehen und von seinem Stimmrecht Gebrauch zu machen. Himmelfix, das ist keine Pflicht, das ist eine Selbstverständlichkeit. Die dazu gehörige Pflicht ist die politische Betätigung. Ignoriert man diese Pflicht, möge man bitte damit aufhören, allgemein über die Verkommenheit der Politik zu schimpfen. Ich erinnere mich an eine von Cioran erwähnte gnostische Legende, die von einem Kampf unter den Engeln berichtet. Wichtig ist nicht, wie der Kampf ausging, sondern die Entscheidung des Gottes der Legende, diejenigen Engel als Menschen auf die Erde zu verbannen, die sich nicht für eine Partei entscheiden wollten und Zuschauer blieben.


[17. März 2013] Papst

Die katholische Kirche hat es geschafft, mich für eine halbe Stunde für sich einzunehmen. Ein Mann steht auf dem Balkon, der bescheiden und zurückhaltend auftritt, und der von der Kirche selbst wie auch von ihren Beobachtern mit der Aura des Neuerers bedacht und ausgestattet wird. Es ist nun aber nicht die zweifelhafte Vergangenheit des neuen Papstes im Zusammenhang mit der argentinischen Militärregierung der siebziger Jahre, die mich schnell nachdenklich gemacht hat. Das Problem ist seine Gegenwart. Der Papst der Armen (oder "ein Papst für die Armen") lehnt Verhütung (bisher) in jeder Form ab (auch die Benützung von Kondomen zum Schutz vor einer HIV-Infektion - eine Haltung, die Benedikt XVI. ansatzweise zu überdenken begonnen hatte), ist gegen eine Aufhebung des Zölibats für Priester und gegen eine stärkere Rolle von Frauen in der Kirche. Dass er außerdem gegen die Homosexuellenehe ist und in diesem Zusammenhang von einer Zerstörung des göttlichen Planes gesprochen hat, betoniert den Eindruck nur mehr, den man aber zunächst von diesem Mann eben nicht hat. Ich bleibe jedenfalls mit einem Gefühl zurück, als hätte man am Tag seiner Einsetzung versucht, mich mit und durch einen sympathischen Opa zu betrügen.


[16. März 2013] Mechanismus

Den ich nicht verstehe. Auch ein Jean Ziegler - den ich hier als beliebiges Beispiel heranziehe - beginnt mich nach wenigen Jahren zu nerven. Ich meine, seine Botschaft zu kennen und werde, durch seine unermüdliche Arbeit, immer wieder mit dieser Botschaft konfrontiert. Ich erinnere mich auch gut an das Grauen, das beim Lesen der Bücher von Ziegler in mir aufgestiegen ist, der Ekel über die Welt, ihre kalte Schulter, ihr Zusehen - meines inklusive. Ich erinnere mich an viele Momente bei der Lektüre, die mir den Gedanken "das habe ich nicht gewusst" abgenötigt haben. Aber dann vergeht die Zeit, dann treffe ich immer wieder auf die Information, für die Ziegler in meinem Hirn zu stehen begonnen hat. Und plötzlich taucht ein Interview mit Ziegler im Standard auf und ich fühle mich genervt. Das ist doppelt interessant - und natürlich bedenklich, aber die Bedenklichkeit interessiert mich hier weniger. Man braucht mir offenbar - ohne dass ich je meine Art zu handeln verändert hätte, ohne eine Veränderung meiner moralischen Haltung - nur oft genug eine Information vorzusetzen, die ich zu kennen meine, die ich internalisiert glaube; Schon bin ich bereit, mich abzuwenden, mich auf die Seite der Leichtigkeit zu stellen. Als hätte ich genug, als wäre die Welt allein durch das Wissen anders geworden. Ich bin eine minimal mehr zur Ausdauer befähigte Kreatur und Institution, als jede dümmliche Nachrichtenredaktion, die wöchentlich ihre "breaking news" unabhängig von der Schwere und Bedeutung des Inhalts zum Müll werfen muss. Ich vermute schnell, dass ich kein Einzelfall bin. Jetzt frage mich noch einer, warum die Welt so ist.


[1. Jänner 2013] Moral und Politik

Ich bin mir nicht sicher, ob es einen Unterschied macht, wo man einkauft. Alle Versuche, den Konsumenten zu einem verantwortungsvollen Konsumverhalten zu bewegen, gehen doch solange ins Leere, als es Menschen gibt, die am Rande der Armut oder mitten in der Armut stehen und auf das billige Produkt angewiesen sind. Und es geht ja immer nur um die Frage, ob man mehr oder weniger Geld für dieses oder jenes Produkt ausgeben soll. Der Mythos der Weltveränderung durch den rechten Konsum ist aber nicht nur eine fragwürdige wenngleich schöne Geschichte. Er simuliert etwas viel Gefährlicheres, was etwa auch im Ideal der Mülltrennung oder im Besuch eines kritischen Theaterstücks gegeben ist. Der rechte Konsum stellt sich als politische Handlung dar und wirkt insofern entlastend. Dumm ist nur, dass die moralisch einwandfrei einkaufenden Menschen zwar Müll trennen und kultiviert sind und sich selbst hinterfragen und reflektieren und sogar wählen gehen. Sie überlassen aber mit einem verheerenden Selbstverständnis und einer beängstigenden Selbstsicherheit das öffentliche Feld der Politik den Unfähigen. Und beschweren sich dann über Korruption, Dummheit und Präpotenz ihrer gewählten Vertreter.


[19. November 2012] Menasse

Ich ärgere und freue mich über den europäischen Landboten von Robert Menasse. Einmal der Hinweis auf die Egosimen der Nationalstaaten. Dann auch das Einfordern von Gerechtigkeit für den Apparat, für die pragmatisch denkenden Beamten jenseits der natioalstaatlichen Eigeninteressen. Und so ein Text kommt wie eine bestellte Gegenstimme aus einem Land, in dem das Prügeln der Union leider ohnehin üblich ist. Der Ärger bleibt, weil der Text von Menasse polemisch ist, vieles sehr verkürzt darstellt, zuspitzt. Leider entspricht aber viel vom Inhalt meinem Gefühl. Aber was ist das schon, Gefühl. Und außerdem - das Buch ist ein Essay im eigentlichen Sinn. Auffallend bleibt aber, dass Menasse lange nicht darstellt, warum die von ihm verteufelte Politik von Angela Merkel mit Schuld hat an der europäischen Krise. Trotzdem arbeitet er mit dieser Schuld wie mit einem Instrument. In der Mitte des Buches wird es klarer, aber nicht deutlich genug. Und die Selbstimmunisierung (er betont, nur seine Erfahrungen darzustellen) ist ein merkwürdiges Instrument in einem Essay. Hat er sich beim Argumentieren so angreifbar gefühlt? Gewährt die Relativität des Versuchs nicht genügend Freiraum? Oder kann ein unfertiges Argument und die damit verbundene Unsicherheit des Schreibenden Eingang in den Text finden? Offensichtlich ja. Und das ist wohl auch gut so. Nicht nur, wenn man das Vergnügen über den ganzen Text in den Vordergrund des Nachdenkens stellt. Europa ist zu verteidigen. Aber nicht jedes Europa.


[03. Juni 2012] Kunstwelt

Im Standard lese ich gestern einen Artikel über die Documenta 13, die am 9. Juni in Kassel eröffnet wird. Der Artikel lotet das Kunstverständnis von Carolyn Christov-Bakargiev, der Chefin der Veranstaltung aus. Betitelt ist er mit dem Gassenhauer "Kunst lotet Limits unserer Akzeptanz aus". Christov-Bakargiev verwehrt sich darin gegen jede Stellungnahme, die etwas mit Wahrheit zu tun haben könnte. "Sobald sie etwas als Wahrheit behaupten, ist es falsch. Also besser nicht behaupten. Sondern einfach tun." Ich langweile mich ein wenig, da die Ödnis der Relativität ihr wohl bekanntes Haupt erhebt. Aber ja, so ist es nun einmal. Die Documenta muss als Raum für kulturelle Freiheit geschützt werden, lese ich weiter. Warum, frage ich mich verdattert. Muss? Aufgrund welcher Argumente? Würde ich welche vorbringen, wären sie doch schon falsch? Aber vielleicht kann man auch die Notwendigkeit einer Art von Messe behaupten, einfach weil es dort immer so lustig ist? Richtig merkwürdig wird die Sache aber erst, als der Standard auf ein Interview von Christov-Bakargiew mit der Süddeutschen Zeitung verweist: Dort führt sie erstaunlicherweise aus, dass sie sehr wohl in politischen Wahrheiten denkt, die etwa zu der Aussage führen, dass Hunde ein Wahlrecht haben sollen. "Gehört denn die Welt weniger den Hunden als den Frauen?" Interessante Frage - obwohl ich instinktiv behauptet hätte, die Welt gehört doch eher mehr den Frauen. Wieso überhaupt "gehören"? Ich lese das Interview nach. Wahlrecht für Erdbeeren, nachhumanistische Weltsicht, alles argumentiert auf Basis physikalischer Erkenntnisse (oder deren Missinterpretation? Aber wie das feststellen, ohne Wahrheitsbehauptungen?). Arme Quantenphysik, wenn sie dafür herhalten muss. "Wichtig ist nicht, was man sagt, sondern ausschließlich, wie man etwas sagt." Stimmt schon, da gab es sogar einmal Menschen, die Dinge so gesagt haben, dass leider niemand aufgepasst hat, was sie gesagt haben. Aber das ist ja alles lange her.


[05. Mai 2012] Drehbücher

Irgendwann könnte man als Drehbuchautor damit aufhören, Auseinandersetzungen und entscheidende letzte Kämpfe dadurch zu entscheiden, dass einer der Kontrahenten gerade noch eine - meistens die eigene - Waffe erreicht, die ihn oder sie letztlich in die Lage versetzt, den alles entscheidenden Konflikt überraschend aber eben überhaupt nicht überraschend doch noch für sich zu entscheiden. Ja, man könnte wirklich damit aufhören.


[08. Februar 2012] Politik

Dass man in die merkwürdige Lage gedrängt wird, aus der Sorge um die Ordnung dieselbe zu verteidigen, obwohl man längst an ihr verzweifelt ist. Dass man das Gefühl der Resignation nicht los werden kann. Dass Schlimmste aber - neben der eigenen Angst vor dem Wirklichwerden der Resignation, das wie ein teuflisches Angebot im Raum steht - ist die Enttäuschung der denkenden Menschen im eigenen Umfeld. Die Müdigkeit, die nach langen Jahren der Kritik um sich greift, die Abnahme der Begeisterung, der Rückzug in die Privatsphäre. Wer will hier schon politisch sein? Aber haben wir das Recht, unpolitisch zu sein? Und ich meine mit sein keineswegs das Vorliegen einer privaten politischen Meinung, ich meine vielmehr ein politisches Leben, den Einsatz der eigenen Zeit, des eigenen Könnens, des eigenen Vermögens (!) für das Gemeinwesen. Was für ein merkwürdiges Reden und Fragen, das nach Vergangenheit und Moder klingt. Als könnte Politik unmodern werden. Sofort spüre ich wieder den Groll gegen die Philosophen, die von Post-Politik gesprochen haben. Nicht, weil ich ihre Inhalte angezweifelt hätte, vielmehr, weil ich dieses Gerede von Post-Politik für unverantwortlich gehalten habe. Ist denn die Politik vorbei, nur weil wir ihre aktuellen Formen noch nicht verstehen oder gar kontrollieren können?


[13. August 2011] Flüchtlinge

Innenministerin Mikl-Leitner im Gespräch mit Gregor Seberg: "Es gibt jene Flüchtlinge, die vom Tod bedroht werden, und die kriegen bei uns Hilfe. Bei den anderen gibt es keinen Grund, warum sie hier sind." Verplaudert? Oder klare Aussage, wie es um die eigene Haltung bestellt ist? Solange man anderswo überlebt, braucht man nicht nach Österreich zu kommen. Folter? Schläge? Verfolgung? Erniedrigung? Verletzung der Menschenrechte? Kein Problem für die Innenministerin, solange das Leben nicht in Gefahr ist. Als wäre Österreich nicht Unterzeichner der Genfer Flüchtlingskonvention. Als wäre das Asylverfahren nicht an diese Konvention geknüpft. Gut, man kann sich ja einmal verplaudern. Man kann sich aber auch beim Verplaudern so verplaudern, dass man irrtümlich wirklich sagt, was man wirklich denkt. Siehe übrigens auch EMRK, Frau Innenministerin.


[25. Juli 2011] Mist

Der Neugier nachgebend habe ich mir den Text des Massenmörders A. Breivik aus dem Netz geholt. Dann habe ich verlorene Stunden damit verbracht, aber eine meiner Befürchtungen ist beim Lesen immerhin verschwunden. Ich habe nichts gefunden, wovor man sich theoretisch fürchten müsste. Das leere Geschwätz ist keine faszinierende Konstruktion, kein Wurf aus einem Guss, der irgendeine Anziehungskraft hat. Aber leider ist es kein Unsinn, denn der Text enthält Sinn - zwar fragmentarisch, ansatzweise, falsch verbunden, eigendynamisch verblödet, intellektuell armselig und vorder- wie hintergründig nicht schlüssig. Aber dieser Rest von Sinn, neben der grundsätzlichen Lesbarkeit, im Zusammenhang mit der Frage, wer das Machwerk lesen wird, das alles bleibt beängstigend. Das ist auch das (das ist alles), wovor die Journalisten, Kommentatoren und Wissenschaftler Angst haben. Die Information ist frei verfügbar geworden, und niemand kann kontrollieren, durch welche Filter (Gehirne) sie gehen wird. Niemand weiß, wie dumm wir sind, niemand weiß, was wir denken und fühlen. Niemand weiß, welche Reste und Fragmente von Sinn ausreichen, um wieder einen Deppen zum Handeln zu befähigen. Aber da treffen sich ja die fragmentarischen Sinnreste des norwegischen brüderlich mit denen der freiheitlichen Redner.


[13. Juli 2011] Wir sind Kaiser

Die Familie Habsburg ist mir nicht egal. Kann sie niemandem sein. Die Bedeutung (Wirkung) dieses Hauses steht - egal, wie man sie bewertet - nicht zur Diskussion. Wie Österreich aber mit dem Tod des Kaisersohnes Otto umgeht, zeigt bei weitem mehr, als nur ein Bedürfnis vieler Menschen nach Ritualen und nach der merkwürdig adligen Welt, die einer ungezählten Horde von Zeitschriftenlesern täglich und wöchentlich als blaublütiger Fraß vorgeworfen wird. Der Tod von Otto wird gefeiert, obwohl der Mensch, sein Leben und sein Tun nicht in die Klatschspalten passt. Aber Österreich hat endlich auch so eine Art Traumhochzeit in seiner Herrscherfamilie, wenn es auch eine Hochzeit mit dem Tod ist. Hat nicht Otto selbst (schön österreichisch morbid) festgestellt, dass der wichtigste Tag im Leben eines Menschen sein Todestag ist? Also, auf zum Fest: Otto wird in der Kapuzinergruft beigesetzt, Faschingsnarren in bunten kaiserlichen Uniformen tragen ihn zu Grabe. Ein Vertreter des republikanischen Klubs betrachtet das Geschehen in der Zeit im Bild kritisch. Ein Historiker merkt an, dass ihm bei dem ganzen Rummel die kritische Auseinandersetzung mit der Monarchie fehlt und fragt sich, warum das alles nach Staatsbegräbnis aussieht. Die katholische Kirche versammelt sich - wie absehbar und zu erwarten gewesen - in Mariazell und betrauert die gute alte Zeit, als der Name Habsburg für Gegenreformation und Gottesgnadentum stand. Das alles ist nicht erstaunlich, weil hier sentimental der Monarchie nachgetrauert wird. Nicht, weil die Menschen irgend etwas mit der Monarchie anfangen können, oder die Republik wegen so einer Kasperliade gefährdet wäre. Österreich feiert (s)eine Hochzeit mit dem Tod. Das passt zu uns. Und wenn wir dafür endlich auch dabei sind, dann gehen wir hin. Nach politischen Dimensionen brauchen wir bei der ganzen Geschichte auch wirklich nicht zu fragen, weil eine entsprechende Morbiditätspolitik ohnehin von der einen Partei gemacht wird, die endlich wieder einen Kanzler stellen soll, der bald entscheiden - nicht reden - wird. Und es ist doch erstaunlich, wie der Popanz eines Begräbnisses zur politischen Sehnsuchtslandschaft passt. Auch wenn keiner die Monarchie zurück haben will.


[24. Februar 2011] Scham

Seit dem Ausbruch der Proteste in Lybien warte ich auf ein Wunder. Ich möchte nur für einen Moment glauben können, dass die Europäer (also wir, da es sich bei den handelnden Personen um mehrheitlich demokratische Vertreter der europäischen Nationen handelt) nicht aus Angst vor Flüchtlingen handeln, sondern aus ihrer politischen Verantwortung heraus. Sofort erschallt der Ruf nach der Agentur Frontex. Sofort beginnt der Streit, wer die fliehenden Menschen aufzunehmen hat. Sofort ist den Europäern klar, dass ihr mühsam aufgebauter Schutzschild in Libyen wankt. Europa hat Unmengen an Geld an Libyen gezahlt, militärisches Gerät und Schulungen verkauft, die Zustände in den libyschen Flüchtlingslagern ignoriert und seine realen Aussengrenzen still und leise nach Afrika verschoben. Albert Camus notiert in den 50er Jahren in sein Tagebuch: "Krämerhaftes Europa - zum Verzweifeln."
Nach einer Woche der Proteste wird klar, dass es bereits tausende Tote gibt. Nach einer Woche ist auch klar, dass es kein politisches Europa gibt, das Verantwortung zu übernehmen gedenkt. Das Wunder wird nicht eintreten. Wunder treten nicht ein. Wunder sind Wunder, politische Konzepte sind politische Konzepte. Das einzige größere politische Konzept in Europa, in dem Libyen vorkommt, ist die Einbindung des Landes als Pufferzone und Wehrmauer gegen unschuldige Menschen in den Plan zur hermetischen Schließung der Festung Europa. Das ökonomische "Konzept" der Europäer, in Libyen für Know-how und Technologie einen möglichst großen Teil des dort durch Öl verdienten Geldes zu kassieren, wird durch die aktuellen Entwicklungen ohnehin nur vorübergehend ausgesetzt. Ich schäme mich. Und ich behaupte meine Scham, wenn sie auch als Reflex und Zuckung des Gutmenschen abgetan werden muss, der nicht entscheidet, sondern Tag für Tag in der bequemen Beobachterrolle bleibt, in seiner geheizten Wohnung, in seinem netten Leben, das vor der Gefahr der Flüchtlingsströme so gut es geht geschützt ist.


[25. November 2010] Verdrängung

Dass die Verdrängung notwendig ist, um in diesem Abgrund einer Welt sein zu können, neben dem Leid, das wir uns dauernd gegenseitig zufügen, das ist inakzeptabel. Aber kann man sagen: Ich will nicht verdrängen, ich werde das Verdrängen in mir beenden? Muss man nicht sterben, wenn man die Verdrängung ganz verweigert? Und wie ist es möglich, die Welt und das in ihr gegebene Leid dauernd präsent zu halten? Das Fernsehen scheint hier nur vordergründig eine Lösung zu sein; das tägliche Beobachten des Leides der Welt ist ja gerade die mieseste Form einer Verdrängung durch Zeugenschaft.


[4. Mai 2010] Soziologie

Es ist immer wieder erstaunlich, wie sich die Soziologie - sowohl in der rückblickenden Selbstbeobachtung, wie auch in der gegenwärtigen Programmatik - als Heilslehre behaupten will. Die Beschreibung positioniert sie immer als kritische Kraft, die behauptet, eine wissenschaftliche Bewältigung gesellschaftlicher Krisen denken zu können. Die Rationalisierung des Triebhaften der Institutionen und Organisationen. Die Bewältigung der triebhaften Massen, die in und durch die Totalitarismen des 20. Jahrhunderts gewütet haben. Eben in Uta Gerhardts "Idealtypus" blätternd musste ich feststellen, dass immer noch behauptet wird und behauptet werden kann, dass es im Nationalsozialismus keine Soziologie gab. Die Soziologen sind rein geblieben, ihre Weste ist sauber. Die Kontinuität der Soziologie ist unbefleckt. In Deutschland und Österreich wurde im Bereich der Soziologie vermeintlich pausiert, da die Soziologen vertrieben, ermordet oder ausgewandert waren. Blödsinn. Ich erinnere beispielhaft an Georg Schmidt-Rohr, der während des Bestehens des 3. Reiches ausdrücklich an der Grundlegung einer nationalbiologischen Sprachsoziologie gearbeitet hat und Leiter der sprachsoziologischen Abteilung der SS war. Auch wenn wir in seinen Arbeiten keine wissenschaftliche Soziologie erkennen wollen oder können, ist die Tatsache eines soziologischen Diskurses und einer institutionalisierten Soziologie im 3. Reich nicht wegzuleugnen.


[26. Jänner 2010] Frontex

Jeder Akt, jede Handlung, Entscheidung, Unterlassung und Akte der Agentur Frontex müsste öffentlich gemacht werden. Ausnahmslos. Erst wenn die exekutive Gewalt dieser Organisation durch schrankenlose Transparenz öffentlich gemacht wird, können sich die Europäerinnen und Europäer entscheiden, ob sie wollen, was da geschieht. Das Problem an Konstrukten wie der Frontex ist aber, dass sie keinem echten demokratischen Prozess zugänglich sind. Den Nationalstaaten ist die Agentur keine Rechenschaft schuldig, und wen man abwählen oder wählen soll, um derartige Institutionen zu beeinflussen, bleibt ganz und gar im Dunkel (Das EU-Parlament segnet die steigenden Budgets der Frontex regelmäßig ab, ohne sie wesentlich zu hinterfragen). Das ist nicht die Europäische Union, für die ich mich irgendwann erwärmen konnte.


[20. Dezember 2009] Regieren

Zwei Pressemeldungen an einem Tag, die mich kurz beschäftigt haben: (1) "'Trotz der schwierigen Umstände aufgrund der globalen Wirtschaftskrise ist die Armutsgefährdung 2008 in österreich kaum gestiegen', unterstrich Sozialminister Rudolf Hundstorfer Mittwoch nach Erscheinen der EU-Silc-Daten für das Jahr 2008." Die Regierung ist also ausdrücklich zufrieden mit dem gegebenen Zustand. Dem steht die zweite Pressemeldung (2) zu den selben Daten entgegen: "Die Caritas fordert die Bundesregierung auf, endlich ernstgemeinte Sozialpolitik und -maßnahmen für die rund 1 Million Menschen in österreich, die an und unter der Armutsgrenze leben, voranzutreiben. 'Nächtelang wird zur Rettung der Hypo Alpe Adria im Finanzministerium verhandelt und eine Lösung herbeigeführt. Das war sicher richtig. Gleichzeitig stellt sich die Frage, warum zum Beispiel bei Einführung der Mindestsicherung jahrelang tatenlos wenig bis nichts passiert und im Sommerministerrat eine 15prozentige Kürzung vorgenommen wurde. Es macht mich wütend, dass die völlig schuldlosen Opfer der Wirtschaftskrise und der Arbeitslosigkeit immer wieder von führenden Poltikerinnen und Politikern der Regierung selbst für ihr Schicksal verantwortlich gemacht werden. Das ist vielleicht ein Versuch, von ihrer eigenen Hilflosigkeit und mangelnden Lösungskompetenz abzulenken', so Landau. 'Es werden die völlig schuldlosen VerliererInnen der Wirtschaftskrise sein, die die Auswirkungen von Sparkalkülen und Sozialschmarotzer-Verdächtigungen ausbaden müssen - und zwar gemeinsam mit ihren Familien.'" Die Regierung verkauft als Erfolg, dass nichts bewegt wurde und dass die Armen noch immer arm sind. Geht's noch zynischer?


[09. November 2009] André Gorz

"Verwissenschaftlichung ist die Voraussetzung der kapitalistischen Aneignung und Verwertung von natürlichem Gemeingut. Verberuflichung ist die Voraussetzung der Verwertung von allgemeinem informellem Wissen. Die Voraussetzung für den Aufbau einer Wissensgesellschaft hingegen ist, dass ein nichtinstrumentelles Verhältnis zur Natur der tendenziellen Verselbständigung der Technowissenschaft entgegenwirkt. 'Wissen' darf nicht mit Sach- und Fachkenntnissen verwechselt werden. Verständnis für und ästhetische Wertung der Artenvielfalt des natürlichen Lebens gehören zum 'Wissen' und müssen den technowissenschaftlichen Machtwillen überwiegen." Dabei betonte Gorz aber, dass eine vernünftig handelnde Wirtschaft die freie Bildung um ihrer selbst willen nur befürworten könnte: "Dabei ist sich eine kleine Minderheit fortschrittlicher Unternehmen der Tatsache bewusst, dass zwischen produktivem und um seiner selbst willen erworbenem Wissen kein Gegensatz mehr zu bestehen braucht. Im Gegenteil: das eine und das andere können sich ergänzen und gegenseitig fördern. Kreativität, Fantasie, Beherrschung mehrerer Sprachen, künstlerische Begabung usw. sind wertvolle Komponenten des Arbeitsvermögens."


[03. November 2009] Handlungsfähigkeit

Ergibt sich nicht durch das Besuchen-können der Hörsääle, nicht durch die unbeeindruckte Fortsetzung des eigenen Studiums. Natürlich, der Eingriff der Protestierenden in die Sphäre derer, die den Protest nicht verstehen oder wenigstens nicht mittragen wollen, ist problematisch. Viel nachdenklicher stimmen sollte allerdings die Haltung hinter der Ablehnung des Protests: Ein reiner Egoismus tritt hier zutage, der nicht auf Zusammenhänge, nicht auf Probleme von anderen, nicht auf die Tatsachen des Bildungssystems, nicht auf das Entgleisen der gesellschaftlichen Relationen zu jener spezifischen Freiheit eingeht, die innerhalb des Bildungssystems lange Zeit garantiert wurde. Dieser reine Egoismus ist natürlich eine Haltung, die von Angst geprägt ist, die also nicht verurteilt werden kann. Umso überraschender sind die hilflosen und nachdenklichen Bewegungen, die sich jetzt in der Regierung zeigen. Würde es sich bei den Widerstand leistenden Menschen tatsächlich um eine nur blockierende Truppe handeln, gäbe es keinen Zugang zu jener Rationalität, in die man nun die Forderungen der Studierenden einzuordnen beginnt. Die schnellere Anhebung der Bildungsausgaben, die Verfügbarmachung von Geld für eine kurzfristige Anhebung der Qualität, und die Versuche, über infrastrukturelle Maßnahmen die Bedingungen an den Universitäten zu verbessern beweist ja nur, dass die Forderungen der oft diskreditierten Besetzer im Grunde dem entsprechen, was die Politik schon lange als notwendig erkannt, aus ökonomischen und politischen Abwägungen heraus aber als aufschiebbar beschlossen hat. Es geht also nicht einmal so sehr darum, die Proteste durch Dialog und diskursive Auseinandersetzung zu beenden. Es geht vielmehr wieder einmal darum, die Anstrengungen der Politik wenigstens für eine gewisse Zeit von der kurzfristigen Perspektive auf die nächste Wahl auf eine die ohnehin bekannten Notwendigkeiten und Tatsachen anerkennende Ebene umzuleiten.


[30. Oktober 2009] Universität

Tagelang formiert, diskutiert, bearbeitet eine heterogene Gruppe von Menschen - die nebenbei bald zu den am besten gebildeten Menschen des Landes gehören werden - das Problem, wie Widerstand gegen politische Prozesse aktiv überhaupt möglich ist, gerade unter der Voraussetzung, das sich die einzelnen in dieser Zusammenkunft nicht politisch zuordnen lassen wollen. Reaktionen der Regierung gibt es tatsächlich nicht. Entweder ist man borniert, präpotent, oder guter Hoffnung, dass sich der Protest eigendynamisch auflöst. Die eigentliche Problematik, dass nämlich Widerstand in unserer Demokratie gar nicht mehr möglich ist, weil derselbe entweder nur parteipolitisch formuliert werden kann, oder auf der individuellen Ebene als demokratischer Widerstand nur durch das Wählen der Opposition möglich ist, d.h. nur formal geleistet werden kann, bleibt unbedacht. Diese Formulierung des Widerstandsproblems ist vielleicht nicht Teil des Forderungskatalogs der Protestierenden, das aber ist das, was aufgezeigt wird. Gerade, wenn man nicht existenziell bedroht ist, wenn es nicht um Leben und Tod geht, muss politischer Widerstand trotzdem möglich sein. Wenn er es nicht ist, und wenn die Politik in ihrer Ignoranz verharren kann, müssen wir uns fragen, was unsere Verfassung, was unsere Demokratie ist.


* * * * *


Ethik

In dem Moment, da man über Ethik im Sinne einer techne oder Fertigkeit schreibt, hat man schon verloren und versagt. Es gibt kein Herantragen ethischen Wissens in einer unpersönlichen Form. Man kann eine Haltung nur von einem anderen übernehmen, der diese Haltung lebt - das ist Jesus, das ist Sokrates -, man kann aber im Sinne eines Vertrages niemanden anstellen, der die Moral als planmäßig zu verwirklichende ethische Theorie in einen Betrieb oder eine Institution einbringt. Man kann Ethik auch nicht an der Universität lehren, weil ihr großes Gegenüber die Realität der Geschichte ist. Die professionellen Ethiker stehen hier vor dem selben Problem wie die Theologen, die mit der Theodizee zu leben haben. Wer weiß, wie über Ethik in der Geschichte der Menchen gedacht worden, was in diesem Zusammenhang formuliert worden ist, weiß auch, dass sie an den einzelnen hängt, an den Gerechten, die wir denken können, aber nie selbst sind. Entsprechend kann es auch kine Institutionalisierung der Ethik geben, weil das richtige Handeln immer nur blitzartig, in Einzelentscheidungen auftritt. Heilige, die immer richtig handeln, haben wir nicht, nur einzelne Handlungen, deren Gerechtigkeit und Notwendigkeit sichtbar wurde und daher erinnerbar ist. Deshalb sind wir auch keine Wölfe, selbst wenn wir meistens Wölfe sind. Die Möglichkeit, aus dem Wolfsleben für einen kurzen Moment auszutreten und gerade zu stehen, ist ja gegeben, auch wenn viele sie gar nicht, wenige sie vielleicht nur einmal im Leben nützen. Die Erzählungen vom rechten Handeln aber sind die ganze ethische Theorie. Da ist nichts zu entwickeln und nichts zu betonen. Wir haben immer wieder nur zu erinnern. Und durch diese Erinnerung entsteht die Chance, aus dem Dilemma, das durch die Präsenz des anderen gegeben ist, auszutreten. In Relation zu den anderen ist das Zusammenspiel von Aggression und Liebe ja zunächst die Gegenwart des Todes in diesem anderen Menschen, konsequent gedacht geht es sogar um die Verletzung und Tötung des Menschen, dem ich ins Gesicht sehe. Ein Rezept der ethischen Theorie, das hier normativ wirksam werden könnte, gibt es nicht. Nur die Anamnese der Entscheidungsmöglichkeiten räumt einen Spielraum ein.

Ehrlichkeit

Man müsste beginnen, ehrliche Tagebücher zu schreiben. Nicht diese verlogenen und selbstverliebten Textmonstren, die sich an den anderen orientieren, sondern einfach ehrliche Worte. Wobei noch dahin gestellt ist, ob man einen ehrlichen Satz überhaupt formulieren kann, weil Sprache doch etwas ist, das in uns die Welt der anderen ist (Wittgenstein hat ja entsprechend die Möglichkeit einer sogenannten Privatsprache verneint). Über sich selbst etwas wirkliches zu sagen, gelingt vielleicht nur in der literarischen Form, die (glücklicherweise) einen gewissen Abstand zu der bestimmten Ehrlichkeit hat, die ich meine. Problematisch wäre auch, dass wir damit Dinge über andere erfahren würden, die nicht tragbar sind, die nicht annehmbar oder akzeptabel sind. Deshalb sage ich man müsste, weil es um eine Unmöglichkeit geht. Aber doch: man müsste einmal oder zweimal einfach ehrlich sein. Wenn das aber bedeuten würde, sich für die Dauer von ein paar Sätzen nicht mehr an den anderen zu orientieren, ist natürlich sehr fraglich, ob das geht, machbar, möglich ist. Der Gedanke ist trotzdem ein paar Überlegungen wert: Wie viel Unglück und Leid könnte überflüssig sein, wenn wir nur in der Lage wären, zu bestimmten Zeitpunkten - nur für einen kurzen, einzelnen Satz - ehrlich zu sein?

Darüber reden

Die Mechanismen der perversen Beruhigung sind in der Arbeitswelt inzwischen so weit gediehen, dass es keine Auseinandersetzung mehr gibt, statt dessen nur mehr die Gewalt des Reden-müssens, die im Konfliktfalle sofort zur Anwendung gebracht wird. Wo das Reden verordnet wird, geht es dann um die perfide Aufweichung von Persönlichkeiten, und die abgrundtiefe Perversion unseres Kommunikationssystems, das sich nur dort zu sich selbst bekennt, wo niemand ausspricht und aussprechen darf, was er denkt. In den Mühlen der Kommunikationswirtschaft werden arme Menschen dazu gebracht, nicht mehr für ihre Positionen einzustehen, nicht mehr klar sagen zu können, was sie wollen oder denken. Bis ins letzte Jahrhundert hinein war der Ausgangspunkt für jeden Widerstand das Denken des einzelnen, ganz einfach, weil sich die Gedanken des einzelnen nicht kontrollieren lassen. Jetzt aber hat man ein System entwickelt, das mit einer komplizierten und neuen Semantik von Reden, Supervidieren und Moderieren operiert. Aus diesem für die Konfliktbewältigung unter den Menschen sehr brauchbaren System gibt es kein Entrinnen mehr. Falsche Entscheidungen, falsche Überzeugungen, schlechte zwischenmenschliche Relationen; alles das kann man besprechen, bis man meint, es auszuhalten. Bis man bemerkt, dass so lange geredet wurde, bis man die eigenen Überzeugungen, die eigene Position, sich selbst verraten hat.

Demokratie

Ich eröffne kurz den Stammtisch. Müsste man nicht in einer Demokratie, deren Bruttoinlandsprodukt für das Jahr 2009 voraussichtlich etwa 300 Milliarden Euro betragen wird, das Volk fragen, wenn man - wenigstens potentiell - einen Betrag von 100 Milliarden Euro den Banken zur Verfügung stellt? Auch wenn dieses Geld weder geschenkt noch leichtfertig ausgegeben wird, auch wenn es vielleicht sogar für unser aller Glück und Wohlbefinden richtig ist, was die Politik hier umsetzt. Es ist historisch nicht denkbar, dass ein Monarch oder der Tyrann einer antiken Polis über solche Beträge in Bezug zur Wirtschaftsleistung seines Staates oder seiner Stadt verfügt, ohne das Volk zu fragen oder gestürzt zu werden. Daran zeigt sich nicht nur, wie pervers unsere politischen Systeme sind, es zeigt sich auch die Angst der Menschen anhand ihrer konkreten Instrumentalisierung. Der Terror eines totalitären Regimes greift direkt auf die psychische und körperliche Unversehrtheit der Opfer zu. Die aktuelle Demokratie hat den Terror eines polizeilich verfahrenden Beamtenapparates durch das Bild des wirtschaftlichen Systems ersetzt, das unser einziges Heilsversprechen zu sein scheint. Damit kann wieder unter dem Deckmantel der Notwendigkeit und unter dem Hinweis auf unser aller Wohl das Leben der Menschen legal zerstört werden. Der Totalitarismus wird also nur schlauer eingesetzt und ist schwerer angreifbar geworden. Stammtisch geschlossen.

Krise

Zwischen uns ist so oft nichts. Selbst in der Umarmung bleiben wir so allein, wie wir irgendwann angekommen sind. Der Wind klingt in den Bäumen, und klingt noch trostloser im Nachher der Umarmung. Die Bemühung um den Zugang wird sofort halbherzig. Aber wohin sich zurück ziehen, wenn nicht zu den anderen? Die Versuchung, sich zu bedienen, ist die Verlockung schlechthin. In den grauen Hügeln wartet die Einsamkeit zum Tod, die nicht annehmbar ist. Mit der Illusion des Spiels, das zwischen den Menschen stattfindet, als Sprache, als Sex, als Zukunftsversprechen oder als einfache Zuwendung, wird die Einsamkeit verdeckt und weicht den Grausamkeiten, die alltäglich zwischen uns sind. In den Gesichtern ist die Angst vor dem Schwinden der Hoffnung auf den anderen, auf dich. Die schnellen Bekenntnisse, nichts zu brauchen, abgesehen von der Vergnügung, sind die verfestigten Texte des Alleinseins. Mitsein, Gehörtwerden und Hören, sprechen und gesprochen werden sind die wahnhaften Versuche, die unerträgliche Sanftheit der Leere abzuwenden. Der Schmerz ist entsprechend nur ein leises Pochen, das die Akzeptanz des Unvermeidlichen verzögert. Würden wir nicht den Schmerz erreichen, stünden wir vor der Leere.

Soziologie

Der Soziologe Richard Sennett sagt Bezug nehmend auf die wirtschaftliche Situation der Welt im Handelsblatt vom 5. November 2008, "wir haben genug Werkzeuge gegen die Krise". Wir hatten aber keine Werkzeuge gegen die Krise, und das ist die Tatsache, die momentan hunderttausende ihre Anstellung oder ihre Arbeit kostet. Jetzt treten die kritischen Sozialwissenschaftler auf und wirken als Beruhigungspillen, die uns vermitteln, dass aus den vergangenen Wirtschaftskrisen gelernt wurde. Wem, von denen, deren Existenz jetzt zerstört ist, hilft das? Dass die Banken und ihre politischen Unterstützer ihr egoistische Eliten stützendes System abfangen und vor dem Kollaps retten werden, davon konnte man natürlich ausgehen. Dass die erste Aufgabe dieses Systems aber darin besteht, den Menschen nahezulegen, weiterhin Kredite aufzunehmen, Geld auszugeben, weiter so zu tun, als wäre nichts passiert, ist klar, Ergebnis rationalen Handelns - aber nichts desto trotz skandalös. Die Menschen müssen aus Selbstschutzgründen ohnehin schon über die sie verwaltenden Staaten die Krise abfangen. Wenn dann aber ein kritischer Sozialwissenschaftler betont, dass alles schnell wieder in Ordnung kommen wird, dann macht er sich zum Handlanger. Die Soziologie ist als Krisenwissenschaft in der Reaktion auf die französische Revolution entstanden und hat sich wenn überhaupt als kritische Kraft behaupten können. Es wäre also das Eingeständnis angebracht, dass diese Wissenschaft wieder einmal das Kommen der Krise nicht gesehen hat und insofern als Krisenwissenschaft und als kritische Kraft in der Bewältigung einer gesellschaftlichen Krise total versagt hat. Dieses Versagen war innerhalb des soziologischen Diskurses vorprogrammiert, da die Kritik der politischen Ökonomie den Soziologen ja lange schon verloren gegangen ist.

Advocat

Für andere sprechen bedeutet nicht nur, eine Stimme zu geben und eine Sprache zu verleihen, es bedeutet auch, den Schweigenden eine mögliche eigene Stimme und eine Sprache vorzuenthalten, wegzunehmen, das Sprechen zu übernehmen. Das ist ein Moment der Heilslehre und eine partielle Erzeugung von Subjekten, ein Wahrheitsanspruch und ein absolutes Denken derer, die so eine fremde Stimme kapern. Das ist Gewalt. Albert Camus hat angemerkt, dass es unsere Pflicht wäre für die zu sprechen, die es nicht können. Wohl, weil diesen stummen Armen scheinbar nichts genommen wird, und weil der Stimmlose einer Stimme bedarf - zur Not auch einer fremden. Aber da ist ein gewaltsames Moment in diesem Satz, weil es zwar sprachlose, nicht aber willenlose und Menschen frei von Vorstellungen und Träumen gibt. Der Anspruch des Schriftstellers, die Führung zu übernehmen, ist so betrachtet im Grunde immer eine Überheblichkeit. Und das ist genau das unheimliche Moment, das die Vorsicht gegenüber den Ethikern und den Moralisten entstehen lässt. Die Behauptung, mehr zu wissen, besser nachgedacht zu haben. Für andere richtig gedacht zu haben, das ist offenbar das Ideal. Ich denke für euch, und ihr findet euch in meinem niedergeschriebenen Denken wieder, ihr braucht nicht selbst schreiben und nicht selbst denken. Und während die stumm Gebliebenen nicht selbst schreiben und denken, bekommt der Stimmgeber den moralischen Gewinn aus der Stimmverleihung, er wird zu einem guten Menschen, zu einem, der sich einsetzt, der sich für andere betätigt, wobei das noch nicht bedeutet, dass er sich für eine gute Sache einsetzt oder das richtige nach irgendwelchen Maßstäben tut. Es ist oft einfacher, in der verheerenden Logik des Schreibens für sich selbst zu verharren, weil die Übernahme einer Stimme die Annahme einer Verantwortung bedeutet. Der Anwalt ist vielmehr als der Schriftsteller der Typus des Stimmübernehmers, der in seiner Funktion das Gesagte verdeutlichen kann. Er nimmt die Verantwortung unter den offen liegenden Bedingungen Bezahlung und Übernahme der Ziele und des Wollens des Vertretenen an. Er behauptet nicht, ethisch überlegen zu sein. Er steht durch käufliche Kompetenz ein, nicht durch moralische Vergewaltigung.

Memoria

Totgelaufen ist das Anführungszeichen. Damit wird jede individuelle Sprache vom Denken zum Gedenke. Und das Gedenke traut sich selbst nichts zu und muss zum Gedenken werden. Das Gedenken entsteht daraus als pathetische und gefühlsbetonte Form des Erinnerns. Dabei handelt es sich um ein Andenken, das nicht in der Lage ist, das früher Gedachte einfach für sich stehen zu lassen. Ist man einmal in das Andenken und das Gedenken eingetreten, kann nicht mehr einfach weiter gegeben werden, vielmehr wird die Erinnerung immunisiert und die Texte werden eingeleitet durch Floskeln. Was für ein Unterschied, ob Immanuel Kant etwas gesagt hat, oder ob der große Kant einmal sagte (der unsterbliche Dostojewskij etc.).

Anamnesis

Das Auftauchen und Verschwinden bestimmter Erinnerungen innerhalb von Gesellschaften, die zuweilen einer Zyklizität zu gehorchen scheinen, ist nicht absehbar. Die Diskurse werden aus sehr unterschiedlichen Richtungen geprägt, geformt, lenken plötzlich eigendynamisch aus, entwickeln sich weiter und sind einmal weniger vorhersehbar als beim nächsten Mal. Was an die Oberfläche gespült wird, erinnert wird, aus der Krise heraus, ist trotzdem niemals zufällig da. Es gilt nicht die Unschuldsvermutung für den krisenbezogen erinnerten Begriff, der in den Feuilletons oder in den wissenschaftlichen Vorträgen wieder erscheint. Alles war schon da und muss nur erinnert werden - doch fügt sich die Erinnerung in die Fassung des Einzelnen, in die geschichtliche Konstellation.

Inter homines esse

Unsere spätmodernen Diskurse erscheinen als Nebelbänke für die in ihrem Rahmen handelnden Individuen. Gehört werden, nicht gesehen werden, wahrgenommen und ignoriert werden: das Schwinden der Einzelnen korrespondiert der Unmöglichkeit, noch einen ethisch verbindlichen Standpunkt formulieren zu können. Für unsere Gesellschaften bleibt aber die Frage nach einem gerechten Zusammenleben und die Suche nach dem rechten Miteinander zentral und vor allem anderen wichtig. Wo Barbarei und Zerfall täglich als Schreckgespenster beschworen werden, ist deshalb der Versuch angebracht, mit dem Diskurs zu spielen und seine Grenzen wie seine Durchlässigkeit zu probieren.

Raum

Einen freien Kopf bekommen. Unter einem verschlossenen Himmel. Ein billiges Wagnis, im Grunde. Ausbreiten, sich selbst antreiben. Weiter und weiter. Dabei eine Sprache als einen Ort finden. Einen sprachlichen Raum öffnen, nicht begrenzen oder definieren, nur auftun und weiten, trotz der notwendigen Festlegungen und Einschränkungen durch gewählte Wörter. Wenn das gelingt, ein solcher Sprachraum, dann ist ein Wirkliches zur Verfügung, das bewohnt sein will, in dem es Plätze zu schreiben gilt, in dem Zusammenhänge, Probleme, Dinge, Texte, Beschreibungen zu verorten sind.

Geschichte

Sich treiben lassen. Dabei einen einfachen Stolz des Schaffens entwickeln. Zorn und alle anderen Erregungen einführen, die ohne diesen Stolz nicht fühlbar sind. Und dann die Sprache so biegen, dass sie zur Sprache eines Einzelnen wird, wie der ermordete Benjamin Fondane gefordert hat. Die Zuneigung zu den Toten, die einen freundschaftlich begleiten, die darf man dabei nicht vergessen. Die Zuneigung nicht und die Toten nicht. Nicht zuneigen, weil man Dank schuldet - vielmehr, weil diese Toten auch da sind, ihren Platz haben, beanspruchen, fordern. Weil sie ein großer Teil der Kraft sind, die das Weiterarbeiten ist, weil sie hineinragen in die Lichtung. Schwindel der Weite. Schwindel der tanzenden Toten. Überall waren sie nachsehen, aufspüren, hinschreiben. So haben sie den Raum verengt, vieles dargetan, wo man selbst sein wollte, sich originell gefühlt hat - kurz bevor die Gewissheit sich verdichtete, dass es nur Anamnesis gibt, Erinnerung statt Neu(er)findung. Drängen der alten Texte. Zwar sind sie raumfüllend, überall, unendlich. Trotzdem ist die Lust, die aus ihnen kommt. Neuvermeidung und Neuzitation in ihrem Verhältnis, d.i. Reden und Schweigen und die Selektion, die dazwischen geschieht. Tote, die wir nur teilweise hören können, wahrnehmen wollen. Mode sind die Wörter der Alten, dann sind sie vergessen, wirklich sind sie immer, da sind sie.